Kunstleder-Guide

Ich werde oft gefragt, welche Kunstleder man am besten für meine Taschen verwenden sollte, auf was man beim Kauf achten sollte und wo man geeignetes Kunstleder kaufen kann.

 

Darum habe ich beschlossen einen kleinen Kunstleder-Guide zu schreiben, in dem ich probiere, möglichst viele eurer Fragen, die ihr zuvor via Facebook stellen konntet, zu beantworten. Viele der Tipps gelten auch für Wachstuch...


Ich hatte über meine Facebook-Seite einen Aufruf gestartet und euch gefragt, was ihr alles über Kunstleder wissen wollt. Ich möchte vorweg betonen, dass es sich hierbei nur um meine eigenen Erfahrungen handelt und kein "geschriebenes Gesetz" ist ;-) Auch ich weiß nicht alles über Kunstleder, konnte aber in den letzten Monaten viel ausprobieren und unterschiedliche Kunstleder-Arten verschiedener Anbieter testen.

Popeline, Fahnentuch, Canvas ... All das sind Baumwollstoffe/ Webware und genau wie es Baumwollstoffe in unterschiedlichen Stärken und Qualitäten gibt, gibt es auch Kunstleder in verschiedenen Stärken und Qualitäten, für jeden Anwendungsbereich das Richtige. Es gibt auch spezielle "Bekleidungs-Kunstleder", die dehnbar sein müssen, da man sie zu Leggings, Jacke und Co. verarbeiten kann. Zur Herstellung von Taschen empfiehlt sich aber ein stärkeres, nicht dehnbares Kunstleder, denn wir wollen ja nicht, dass die Tasche durchhängt oder sogar reißt.


Kunstleder-Arten

Leider scheint es keine genormte Beschreibungspflicht für Kunstleder zu geben, denn ich sehe bei vielen Anbietern unterschiedliche Angaben.

Millimeter (mm), Laufmeter (lfm), Quadratmeter (qm)... – Das macht es etwas schwierig, das Kunstleder richtig zuzuordnen. Oftmals bleibt nur der Probekauf.

Die geläufigste Art der Angabe scheint aber in Gramm pro Quadratmeter (g/qm) zu sein. In den letzten Monaten hat sich bei mir viel Kunstleder in unterschiedlichen Stärken angesammelt und ich erlaube mir daher eine kleine, allgemeine Einordnung:

  • Sehr dünnes Kunstleder = bis etwa 240g/qm (das ist eher für Bekleidung gedacht und ist meistens ziemlich labberig und dehnbar)
  • Dünnes Kunstleder = etwa 240g/qm bis etwa 380 g/qm (auch das ist eher für Bekleidung gedacht, ist aber nicht so labberig wie das sehr dünne Kunstleder)
  • Mitteldickes Kunstleder = etwa 380g/qm bis etwa 480g/qm (dieses Kunstleder ist sehr gut geeignet zur Herstellungen von Taschen und Täschchen)
  • Dickes Kunstleder = etwa 480g/qm bis etwa 600g/qm (auch dieses Kunstleder ist sehr gut geeignet für Taschen und Täschchen und muss zudem nicht verstärkt werden)
  • Sehr dickes Kunstleder = etwa ab 600g/qm (auch dieses Kunstleder ist sehr gut geeignet für Taschen und Täschchen und muss meistens nicht verstärkt werden, allerdings könnte eine normale Nähmaschine Probleme beim Nähen haben)

In der Übersicht seht ihr ein paar unterschiedliche Stärken von Kunstleder, welche ich bereits verwendet habe. Ich werde euch jedes davon genauer vorstellen und auch sagen, wo ich es gekauft habe.

 

Auch das dünne Kunstleder kann man für Taschen verwenden, wenn man es entsprechend verstärkt. Für Laschen und Schlaufen ist es sogar besser geeignet, als dickes Kunstleder, also z.B. die Lasche zum Verschließen eines Portemonnaies oder die Gurtschlaufen einer Tasche.

 

Dickes Kunstleder ist hingegen besser geeignet für die Tasche an sich, wenn man will, dass die Tasche auch von alleine stehen kann. Die Teile müssen dann meistens nicht extra noch verstärkt werden.

 

Kunstleder hat immer eine schöne Seite, die aussieht wie Leder und eine Rückseite, die meistens strukturiert ist oder bereits mit Vlies versehen. Dass Kunstleder beidseitig "schön" aussieht, so wie echtes Leder, habe ich noch nicht gesehen.


Bezugsquellen und Verwendung

Sehr dünnes Kunstleder

Das sehr dünne Kunstleder (hier in mint und türkis 230g/qm) habe ich bei herberttextil gekauft. Ich habe es bereits für die Lasche einer Geldbörse verwendet, dazu habe ich es vorher mit Vlieseline H250 verstärkt (Kann man Kunstleder bügeln? siehe weiter unten). Wenn man es verstärkt, dann kann man es auch für Taschen verwenden.

 

Ich habe es hier in türkis für den mittleren Teil einer FoldOver-Tasche verwendet und dafür mit Thermolam verstärkt. Das Thermolam ist ein in sich verfestigtes Volumenvlies, welches mit eingenäht wird. Es bietet genügend Stand und verhindert, dass Schlüssel oder Stift von innen durchstechen können. Auch die Klappe der FoldOver-Tasche sollte mit Thermolam verstärkt werden, wenn sie aus diesem Kunstleder gemacht werden soll.

 

Bei der Lexa habe ich es hier für die Seiten und die schrägen Seiten auf der Front verwendet, zuvor mit Vlieseline S320 verstärkt.

 

Dünnes Kunstleder ist auch gut geeignet, um daraus Paspelband selber herzustellen, so passt das Band perfekt zur restlichen Tasche.

 

Dieses Kunstleder ist allerdings etwas schwieriger zu nähen, da es sich gerne vor dem Nähfüßchen auftürmt und sich so schneller verzieht, trotz Teflonfuß.

 

Es hat meistens eine ganz glatte, unstrukturierte Rückseite und ist eher für Bekleidung gedacht.

 

Ein weiteres sehr dünnes Kunstleder ist (manches) Lasercut-Kunstleder. Dieses bekommt eine tolle Struktur durch die gelaserten Muster, hier das Mint und Silber. Es sollte zusätzlich mit einem weiteren dünnen (evtl. verstärktem) Kunstleder unterlegt werden, sodass kein Wasser durchweichen kann, außerdem kann man tolle Effekte erzielen, wenn man dafür farbiges Kunstleder nutzt.

Diese beiden Lasercut-Kunstleder stammen aus dem Schöner-Leben-Shop.

Dünnes Kunstleder in Dunkelmint
Dünnes Kunstleder in Dunkelmint
Hier für den Mittelteil verwendet
Hier für den Mittelteil verwendet
Hier die Seiten in Hellmint
Hier die Seiten in Hellmint
Hier für die Lasche verwendet
Hier für die Lasche verwendet
Schräge Seiten auf der Front
Schräge Seiten auf der Front
Die Klappe in Türkis
Die Klappe in Türkis

Dünnes Kunstleder

Das dünne Kunstleder in 280g/qm (auf dem Bild in grün) habe ich bei rijstextiles gekauft. Es hat am Anfang ziemlich gestunken und ich habe es zum Auslüften für ein paar Tage aufgehängt. Danach war der Gestank verflogen.

Bei der einen Tasche ist es das Kunstleder in Flieder, welches mit Thermolam verstärkt ist.

Bei der zweiten Tasche ist das obere Orange vom selben Anbieter. Hier habe ich auch den direkten Vergleich von Klappe nicht verstärkt und verstärkt. Bei diesem dünnen Kunstleder liegt die Klappe einfach schöner, wenn sie mit Thermolam verstärkt wird (links). Die rechte Tasche wurde oben nicht verstärkt und da ist die Klappe schon etwas labberig.

Bei dickerem Kunstleder würde ich die Klappe aber nicht verstärken, da sie dann schon von allein schön fällt.

 

Dieses Kunstleder ist auch gut geeignet, um daraus Laschen zu machen.

 

Die Rückseite bei diesem Kunstleder ist ganz leicht netzartig strukturiert.

Kunstleder kaufen
Dünnes Kunstleder in Hellgrün
FoldOver Tasche nähen Kunstleder
Hier verstärkt in Flieder
Hier unverstärkt in Orange
Hier unverstärkt in Orange
Hier der untere Teil in Duneklblau
Hier der untere Teil in Duneklblau

Mitteldickes, steifes Kunstleder

Kommen wir zum mitteldicken Kunstleder. Das rosafarbene und violette Kunstleder ist ca. 390g/qm und stammt von Grimpy Kunstleder. Leider gibt es hier keine g/qm-Angabe, sondern nur eine mm-Angabe, darum ist das Gewicht nur geschätzt. Es ist um einiges dicker als das von rijstextiles, aber etwas dünner als das Rex von Swafing (400g/qm oben auf dem Bild in der Mitte).

Das Kunstleder von Swafing habe ich hier bei der Ankertasche verwendet: das Petrol des Taschenbodens. Swafing hat auch noch ein dickeres Kunstleder mit Vliesrückseite. Beide gibt es in mehreren Farben z.B. bei Käthe Meier.

 

Auch Astrokatze hat zur Zeit ein paar schöne Kunstleder, vor allem das gelbe und petrolfarbene Kunstleder mag ich sehr gerne. Es ist etwas steifer und lässt sich wunderbar verarbeiten.

Die "unbunten" Kunstleder von Astrokatze sind von der Qualität her mit dem Kunstleder von Stoff und Stil vergleichbar, also eher weich.

 

Ich arbeite gerne mit den etwas steiferen Kunstledern, auch für Portemonnaies und Täschchen sind sie gut geeignet, z.B. auch für Laschen an Portemonnaies, wie hier bei der Vogel-Geldbörse das Kunstleder in Dunkelblau von Grimpy.

 

Wenn ich es für FoldOver-Taschen verwende, verstärke ich nur den unteren und mittleren Teil mit Thermolam.

Möchtest du es für Lexa oder Lexa Big verwenden, solltest du alle Teile mit Vlieseline S320 verstärken.

 

Mitteldickes, steifes Kunstleder
Mitteldickes, steifes Kunstleder
Hier in Violett von Grimpy
Hier in Violett von Grimpy
Kunstleder Gelb von Astrokatze
Kunstleder Gelb von Astrokatze
Kunstleder Rex in Petrol von Swafing
Kunstleder Rex in Petrol von Swafing
Kunstleder Dunkelblau von Grimpy
Kunstleder Dunkelblau von Grimpy
Kunstleder in Rosa von Grimpy
Kunstleder in Rosa von Grimpy

Mitteldickes, weiches Kunstleder

Ein weiches, mitteldickes Kunstleder ist z.B. das Lederimitat von Stoff und Stil. Leider ist auch hier die g/qm nicht angegeben, aber es ist etwas dicker als das von Swafing und darum schätze ich es auf ca. 460g/qm (oben im Bild das dritte Braune von rechts). Dieses Kunstleder hat einen angenehm weichen Griff und ist trotzdem stabil. 

Stoff und Stil hat hauptsächlich die Standard-Farben wie schwarz, weiß, grau und braun. Aber es gibt auch ein paar besondere Kunstleder, wie z.B. das Kupfergold, welches man auf dem Bild rechts oben sieht. Ich arbeite sehr gern mit diesem Kunstleder, da es auch eine Baumwollrückseite hat, die man ganz gut mit Vlieseline bebügeln kann (Tipps zum Bügeln von Kunstleder siehe weiter unten). 

 

Sehr ähnlich ist das Kunstleder von Stick and Style und zudem gibt es hier noch wunderschöne Farben, z.B. mint und hellgrün, wie bei der Geldbörse mit den Bienen zu sehen.

 

Auch Frau Tulpe hat eine sehr schöne Kunstleder-Qualität, wie hier das Gelbe bei der herbstlichen FoldOver-Tasche. Es ist etwas dicker als das Kunstleder von Stoff und Stil und Stick and Style, aber trotzdem weich im Griff.

 

Ein weiteres mitteldickes, weiches Kunstleder ist das "Maro" von Swafing, welches es auch bei Käthe Meier gibt. Dieses ist sehr stofflich, die rechte Seite etwas "pelzig" und lässt sich ganz toll verarbeiten.

 

Auch sehr schön finde ich das senfgelbe Kunstleder im Vintagelook von kleinkariert, welches Echtleder sehr nahe kommt.

 

Wenn ich dieses Kunstleder für eine FoldOver verwende, dann verstärke ich den unteren und mittleren Teil mit Thermolam.

Möchtest du dieses Kunstleder für die Lexa oder Lexa Big verwenden, solltest du alle Teile (z.B. mit Vlieseline S320) verstärken.

Mitteldickes, weiches Kunstleder
Mitteldickes, weiches Kunstleder
Mint und Hellgrün von Stick & Style
Mint und Hellgrün von Stick & Style
"Maro" in Dunkelbraun; Senfgelb von kleinkariert
"Maro" in Dunkelbraun; Senfgelb von kleinkariert
Kupfergold von Stoff und Stil
Kupfergold von Stoff und Stil
Kunstleder Gelb von Frau Tulpe
Kunstleder Gelb von Frau Tulpe
Hier beide von Stoff und Stil
Hier beide von Stoff und Stil

Dickes Kunstleder

Zur Herstellung von Taschen arbeite ich am liebsten mit dickem Kunstleder. Dickes Kunstleder hat meistens eine flauschige Vlies-Rückseite und muss somit für die FoldOver nicht verstärkt werden, sondern ist stabil genug. 

Möchtest du dieses Kunstleder für die Lexa verwenden, genügt es den Boden und die Seiten zu verstärken (bei der Lexa big evtl. aber auch die anderen Teile).

 

Grimpy hat ein paar solcher dicken Kunstleder in verschiedenen "Optiken", besonders schön ist die Antik-Optik mit einer Echtleder-Maserung. Bei Grimpy ist es mit 1,1mm angegeben und ich würde es auf etwa 500g/qm schätzen.

Auch Swafing hat ein etwas dickeres Kunstleder (480g/qm) mit einer flauschigen Vlies-Rückseite. Bei Käthe Meier gibt es dieses z.B. in Lila und in Hellgrau.

Dickes Kunstleder in Dunkelbraun
Dickes Kunstleder in Dunkelbraun
Antik Hellbraun von Grimpy
Antik Hellbraun von Grimpy
Antik Dunkelbraun von Grimpy
Antik Dunkelbraun von Grimpy
Antik Naturbraun von Grimpy
Antik Naturbraun von Grimpy

Sehr dickes Kunstleder

Mein sehr dickes Kunstleder ist ca. 665g/qm (angegeben sind 931g/Laufmeter lfm) und ich habe es beim ebay-Händler netmak gekauft. Hier gibt es verschiedene Qualitäten; von den 6 Kunstledern, die ich dort bestellt habe, kann ich allerdings nur 3 gebrauchen, denn die anderen waren sehr hart und vermutlich eher als Polsterbezug gedacht. Man kann sich aber vorher Muster bestellen.

 

Sehr dickes Kunstleder ist gut für Taschen geeignet, denn auch das hat eine dicke Vlies-Rückseite und muss für die FoldOver nicht verstärkt werden, sondern steht von allein. Allerdings kann ich mir vorstellen, dass eine normale Nähmaschine Schwierigkeiten haben könnte, wenn sie mehrere Lagen dieses sehr dicken Kunstleders nähen muss.

Möchtest du dieses Kunstleder für die Lexa verwenden, genügt es den Boden und die Seiten zu verstärken (bei der Lexa big evtl. aber auch die anderen Teile).

 

Das Braun hat eine schöne Färbung und es ist etwas weicher als das von Grimpy und wenn ich mich richtig erinnere, war es sogar eines der günstigsten Kunstleder, das ich bisher gekauft habe. Es ist also nicht immer eine Frage des Preises, ob es sich um gutes Kunstleder handelt. Häufig bleibt nur Ausprobieren.

Sehr dickes Kunstleder in Braun
Sehr dickes Kunstleder in Braun
Kunstleder in Braun mit Struktur
Kunstleder in Braun mit Struktur
Hier das gleiche Braun nochmal
Hier das gleiche Braun nochmal
Kunstleder in Rosa "Schlange"
Kunstleder in Rosa "Schlange"

Sehr dickes Kunstleder sollte eher nicht für Gurtschlaufen oder für Laschen verwendet werden, da hier immer mehrere Lagen übereinander liegen und die ein oder andere Nähmaschine Probleme beim Nähen bekommen könnte.


Lagerung und Verarbeitung

Kunstleder lagern

Kunstleder und auch beschichtete Baumwolle/ Wachstuch sollten möglichst aufgerollt gelagert werden, sodass Falten erst gar nicht entstehen können, denn diese wieder rauszubekommen kann recht schwierig sein. Wird das Kunstleder liegend gerollt gelagert, solltest du drauf achten, dass es auf keiner scharfen Kante liegt, sondern möglichst gepolstert. Es gibt diese tollen Regalhalterungen beim Schweden, wenn man die etwas polstert kann man dort super die langen Rollen lagern. Am besten nicht zu viele übereinander legen, da die unterste Rolle sonst trotzdem Kantenabdrücke bekommen kann.

Kleinere Rollen kann man sehr gut stehend lagern. Dazu das Kunstleder einfach z.B. auf eine alte Geschenkpapierrolle aufrollen und in ein Gefäß mit hohem Rand stellen, das kann ein Papierkorb sein oder ein hoher Karton oder, wie in meinem Fall, alte Architektenskizzenrollen, die ich mittig geteilt habe. 

Damit sich das Kunstleder nicht wieder von selbst abrollt, kann man aus einem dicken Stück Folie eine Lasche drum binden oder auch aufgeschnittene Toilettenpapierrollen drüber stülpen.

Kunstleder Bügeln

Hat das Kunstleder doch mal Falten bekommen, kannst du probieren es zu bügeln. Ich probiere es immer vorher an einem Reststück aus, da nicht jedes Kunstleder gebügelt werden mag. 

Ich habe da auch ein sehr faltiges Exemplar. Das wurde mir aber bereits so geschickt, vermutlich war es das Ende der Rolle. Das Geld dafür habe ich dann erstattet bekommen, durfte es aber trotzdem behalten. An dem guten Stück kann ich euch mal das Bügeln zeigen ;-) Ein schönes rotes Kunstleder mit dicken Falten und kleineren Fältchen.

Hier schonmal der direkte Vorher-Nachher-Vergleich:

Vorher

Nachher (Upsi, unscharf :-P)


Wie man sieht, sind die kleinen Fältchen ausbügelbar, aber diese fiese, dicke Falte rechts ist immernoch deutlich erkennbar. Aber das kennt man ja auch manchmal von Stoffen, da gibt es auch manchmal Falten, die man einfach nicht mehr ausbügeln kann.

 

Beim Bügeln von Kunstleder gilt: IMMER NUR von der Rückseite bügeln und IMMER mit einem Tuch dazwischen (das kann auch einfach ein Rest Baumwollstoff sein). Hast du ein Kunstleder erwischt, dass es nicht mag, gebügelt zu werden und du bügelst direkt auf der Rückseite ohne Tuch, dann kann es passieren, dass das Kunstleder unter deinem Bügeleisen schmilzt, es verklebt und du dir ein neues Bügeleisen kaufen darfst ;-)

Also immer ein Tuch zwischen Kunstleder und Bügeleisen.

Kunstleder Rückseite nach oben

Tuch drüber


Kunstleder sollte auch nicht zu lange gebügelt werden. Ich könnte mir vorstellen, dass es irgendwann schmilzt. Ist mir zwar noch nicht passiert, aber man weiß ja nie ;-)

 

Ich wurde auch immer wieder gefragt, ob man Kunstleder mit Vlieseline bebügeln kann. Ich würde sagen: Jein! Auch das ist bei jedem Kunstleder unterschiedlich. Da man es nicht zu lange bügeln sollte, kann ich mir vorstellen, dass z.B. Vlieseline H630 oder H640 nicht gut aufzubügeln ist, da es längere Zeit auf ein- und derselben Stelle gebügelt wird.

 

Gute Erfahrung habe ich mit dem Aufbügeln von Vlieseline H250, Vlieseline S320, Decovil light und Decovil gemacht, aber auch hier muss immer ein Tuch zwischen Bügeleisen und den Materialien sein. Probiere es vorher an einem Reststück aus.

Man darf es nicht zu lange bügeln.


Achtung! Das Kunstleder ist nach dem Aufbügeln der Vlieseline sehr heiß! Lege es am besten erst einmal zum Abkühlen zur Seite, bevor du es weiter verwendest.

Kunstleder verarbeiten

Kunstleder wird ganz normal mit der Schere oder dem Rollschneider zugeschnitten. Am besten legt ihr euch dafür eine separate Schere/ Rollschneider zu, denn sonst wird eure gute Stoffschere schneller stumpf.

Markierungen können wir am Einfachsten mit dem Kugelschreiber auf der Rückseite des Kunstleders machen.

Wir nähen Kunstleder NICHT mit einer Ledernadel, denn diese ist nur für echtes Leder und schneidet Löcher ins Material, was Kunstleder zum Reißen bringen kann.

 

Kunstleder ist ein Kunststoffgewebe und wird am besten mit einer Microtex-Nadel genäht. Ich verwende immer die normalen Universalnadeln und bei dicken Stellen Jeansnadeln. Am besten auch hier wieder vorher an einem Reststück ausprobieren, womit eure Maschine am besten zurecht kommt.

 

Kunstleder wird mit einem normalen Geradstich genäht.

Die Stichlänge beim Nähen von Kunstleder sollte nicht zu klein gewählt werden, da das Kunstleder sonst schneller reißen kann. Ich nähe immer mit einer Stichlänge von 3 und zum Absteppen sogar 3,5 - 4. Gibt es Stellen, wo das zu weit ist, nähe ich dort immer ein paar Stiche Rückwärts und dann weiter geradeaus (z.B. bei der FoldOver, wenn man die Schlaufen einnäht). Man darf aber nicht zu viele Stiche machen, sonst wird das Kunstleder wieder zu stark perforiert und kann reißen.

 

Je dicker die Materialen sind, umso höher muss auch die Oberfadenspannung gestellt werden, da die Fäden ja auch mehr Material zusammenhalten müssen. Probiere das am besten wieder vorher an einem Reststück aus.

Zum Nähen verwende ich ganz normales Garn, das ich auch für alle anderen Stoffe verwende, gekauft u.a. bei Stoff und Stil.


Um dicke Knubbel nach dem Wenden zu vermeiden, kann man Ecken und Kanten vorher abschrägen, dazu einfach knapp vor der Naht die Nahtzugabe mit der Schere abschneiden. Nach dem Wenden kann man die Ecken dann leichter herausdrücken.

 

Wenn ihr auf der rechten Seite (also auf der schönen Seite) des Kunstleders näht, z.B. beim Absteppen, kann es sein, dass der normale Nähmaschinenfuß immer wieder am Material kleben bleibt. Um das zu verhindern, könnt ihr einen Teflonfuß verwenden. Das ist ein Plastikfuß mit einer beschichteten Unterseite, die besser über Kunstleder, Wachstuch und beschichtete Baumwolle gleitet.

Meine Maschine hat einen eingebauten Obertransport (IDT), so kann ich Kunstleder auch einfach mit dem normalen Fuß nähen.

Hauptsächliche nähe ich mit einer alten Pfaff 1222 electronic und sie näht einfach alles, was ich ihr unterschiebe ;-) Außerdem hat sie, wie schon gesagt, einen eingebauten Obertransport, der auch das Nähen von Jersey und anderen rutschigen Materialen erleichtert.

 

Die alten Pfaff-Maschinen sind meistens unverwüstlich und man bekommt sie gebraucht bei Ebay und Co.

Preislich liegt sie bei etwa 300-400 Euro und ist somit günstiger als so manche Plastikmaschine, die bei 3 Lagen Kunstleder streikt.

 

Für echtes Leder und sehr dickes Kunstleder habe ich zudem noch eine Pfaff 360 automatic, auch grauer Elefant genannt :-D

Ich hoffe, ich konnte eure Fragen beantworten und ihr fühlt euch nun sicherer im Umgang mit Kunstleder ;-)

Fehlt euch etwas Wichtiges? Habe ich etwas vergessen? Fehler entdeckt? Dann einfach kurz eine Mail an info@hansedelli.de


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Kommentare: 12
  • #1

    Anja (Dienstag, 29 Dezember 2015 22:43)

    Sehr interessant. Danke.

  • #2

    Nicole (Mittwoch, 30 Dezember 2015 18:09)

    Vielen Dank für deinen informativen Beitrag.

    Wenn sich Druckstellen alleine durch bügeln nicht beseitigen lassen funktioniert es manchmal diese mit dem Föhn zu erhitzen und die 'Falten' raus zu massieren.
    Ähnlich hier https://youtu.be/BPrMWfdRnb4

    Grüße Nicole

  • #3

    Claudia (Freitag, 08 Januar 2016 06:46)

    Vielen Dank für die ausführliche Info.
    Das hat sehr geholfen
    Viele grüße Claudia

  • #4

    Manuela (Freitag, 18 März 2016 11:31)

    Super beschrieben, VIELEN DANK!
    Liebe Grüße, Manuela

  • #5

    claudia (Freitag, 13 Mai 2016 17:11)

    Hi,

    das ist schon super beschrieben...
    kann ich das Schnittmuster zu dieser Tasche bei Dir käuflich erwerben.

    Lieben Gruß
    Claudia

  • #6

    Hansedelli (Freitag, 13 Mai 2016 20:20)

    Hallo Claudia,

    Die Ebooks sind alle hier in meinem Shop erhältlich :-)

    Viele Grüße
    Lisa von Hansedelli

  • #7

    Nachtgeschöpf (Donnerstag, 11 August 2016 10:26)

    Hallo,
    ich habe mich in dein Fold-Over-Ebook verliebt.

    Lässt es sich auch mit echtem Leder gut umsetzten?

    Liebe Grüße

  • #8

    Hansedelli (Freitag, 12 August 2016 17:20)

    Ich selbst habe die Tasche noch nicht aus echtem Leder genäht, hab aber schon von ein paar anderen gehört, dass es geht, aber nur mit einer starken Maschine, da man teilweise schon durch mehrere Lagen nähen muss.

    Viele Grüße
    Lisa von Hansedelli

  • #9

    Veronica (Dienstag, 22 November 2016 19:48)

    Vielen Dank für die gute Erklärung ! :)

  • #10

    Elsa (Montag, 28 November 2016 05:41)

    Vielen Dank für den tollen Überblick - das ist wirklich superhilfreich! Ich hätte noch eine Frage. Für manche Taschen - die eigentlich aus Leder gedacht sind- ist es schwierig, passendes Kunstleder zu finden (z. B. für die Griffe), weil angegeben wird, dass das Leder keine sichtbare Vliesrückseite haben soll. Hast du da ein passendes Kunstleder, das dir einfällt?
    Viele Grüße
    Elsa

  • #11

    Martina Reetz (Samstag, 24 Dezember 2016 13:10)

    Hallo Lisa,
    Auf Grund Deines Artikels habe ich mir die pfaff 360 zugelegt. Jetzt suche ich noch die 1221 bzw. 1222, gibt es da einen großen Unterschied? Möchte mich als die Big Lexa wagen. LG Martina und ein. erholsames Weihnachtsfest.

  • #12

    Hansedelli (Dienstag, 27 Dezember 2016 10:58)

    @Elsa: Die meisten Kunstleder haben tatsächlich eine weiße Rückseite. Das finde ich auch ärgerlich, da die weißen Kanten dann hervorblitzen, wenn man die Kanten offen lässt. Welche mir spontan einfallen, die keine weiße Rückseite haben, sondern eher braun oder schwarz: Maro von Swafing und manches Kunstleder von Frau Tulpe.

    @Martina Reetz: Die 1221 und 1222 sind von der Technik her gleich, soweit ich das sehe. Der Unterschied ist nur, dass die 1221 keinen Freiarm hat, sondern für den Einbau in einen Tisch gedacht ist.